I have a dream - Text in deutscher Übersetzung

Martin Luther King,
Baptistenpastor und Bürgerrechtler am 28.8.1963:

 

Ich freue mich, heute mit euch zusammen an einem Ereignis teilzunehmen, das als die größte Demonstration für die Freiheit in die Geschichte unserer Nation eingehen wird.

Vor hundert Jahren unterzeichnete ein großer Amerikaner, in dessen symbolischen Schatten wir heute stehen, die Emanzipationsproklamation. Er kam wie ein freudiger Tagesanbruch nach der langen Nacht ihrer Gefangenschaft.

Aber hundert Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei. Hundert Jahre später ist das Leben des Negers immer noch verkrüppelt durch die Fesseln der Rassentrennung und die Ketten der Diskriminierung. Hundert Jahre später schmachtet der Neger immer noch am Rande der amerikanischen Gesellschaft und befindet sich im eigenen Land im Exil.

Deshalb sind wir heute hierher gekommen, um eine schändliche Situation zu dramatisieren. In gewissem Sinne sind wir in die Hauptstadt unseres Landes gekommen, um einen Scheck einzulösen.

Als die Architekten unserer Republik die großartigen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, zu dessen Einlösung alle Amerikaner berechtigt sein sollten. Dieser Schein enthielt das Versprechen, dass allen Menschen — ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen — die unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und der Anspruch Glück garantiert würden.

Es ist heute offenbar, dass Amerika seinen Verbindlichkeiten nicht nachgekommen ist, soweit es die schwarzen Bürger betrifft. Statt seine heiligen Verpflichtungen zu erfüllen, hat Amerika den Negern einen Scheck gegeben, der mit dem Vermerk zurückgekommen ist: "Keine Deckung vorhanden". Aber wir weigern uns zu glauben, dass die Bank der Gerechtigkeit bankrott ist. Wir weigern uns zu glauben, dass es nicht genügend Gelder in den großen Stahlkammern der Gelegenheiten in diesem Land gibt.

So sind wir gekommen, diesen Scheck einzulösen, einen Scheck, der uns auf Verlangen die Reichtümer der Freiheit und die Sicherheit der Gerechtigkeit geben wird. Wir sind auch zu dieser merkwürdigen Stätte gekommen, um Amerika an die grimmige Notwendigkeit des Jetzt zu erinnern.

Jetzt ist nicht die Zeit, in der man sich den Luxus einer "Abkühlungsperiode" leisten oder die Beruhigungsmittel langsamen, schrittweisen Fortschritts einnehmen kann. Jetzt ist die Zeit, die Versprechungen der Demokratie Wirklichkeit werden zu lassen. Jetzt ist die Zeit, aus dem dunklen und trostlosen Tal der Rassentrennung aufzubrechen und den hellen Weg der Gerechtigkeit für alle Rassen zu beschreiten.

Jetzt ist die Zeit, unsere Nation aus dem Treibsand rassischer Ungerechtigkeit zu dem festen Felsen der Brüderlichkeit emporzuheben. Jetzt ist die Zeit, Gerechtigkeit für alle Kinder Gottes Wirklichkeit werden zu lassen. Es wäre verhängnisvoll für diese Nation, wenn sie nicht die Dringlichkeit der gegenwärtigen Lage wahrnehmen würde.

Dieser heiße Sommer berechtigter Unzufriedenheit des Negers wird nicht zu Ende gehen, solange nicht ein belebender Herbst der Freiheit und Gerechtigkeit begonnen hat.

1963 ist kein Ende, sondern ein Anfang. Wer hofft, der Neger werde jetzt zufrieden sein, nachdem er Dampf abgelassen hat, wird ein böses Erwachen haben, wenn die Nation wieder weitermacht wie vorher.

Es wird weder Ruhe noch Rast in Amerika geben, bis dem Neger die vollen Bürgerrechte zugebilligt werden. Die Stürme des Aufruhrs werden weiterhin die Grundfesten unserer Nation erschüttern, bis der helle Tag der Gerechtigkeit anbricht.

Und das muss ich meinem Volk sagen, das an der abgenutzten Schwelle der Tür steht, die in den Palast der Gerechtigkeit führt: Während wir versuchen, unseren rechtmäßigen Platz zu gewinnen, dürfen wir uns keiner unrechten Handlung schuldig machen.

Lasst uns nicht aus dem Kelch der Bitterkeit und des Hasses trinken, um unseren Durst nach Freiheit zu stillen. Wir müssen unseren Kampf stets auf der hohen Ebene der Würde und Disziplin führen. Wir dürfen unseren schöpferischen Protest nicht zu physischer Gewalt herabsinken lassen. Immer wieder müssen wir uns zu jener majestätischen Höhe erheben, auf der wir physischer Gewalt mit der Kraft der Seele entgegentreten.



Der wunderbare, neue kämpferische Geist, der die Gemeinschaft der Neger erfasst hat, darf uns nicht verleiten, allen Weißen zu misstrauen. Denn viele unserer weißen Brüder — das beweist ihre Anwesenheit heute — sind zu der Einsicht gekommen, dass ihre Zukunft mit der unseren untrennbar verbunden ist. Sie sind zu der Einsicht gelangt, dass ihre Freiheit von unserer Freiheit nicht zu lösen ist. Wir können nicht allein marschieren.

Und wenn wir marschieren, müssen wir uns verpflichten, stets weiter zu marschieren. Wir können nicht umkehren. Es gibt Leute, die fragen diejenigen, die sich selbst der Bürgerrechte verpflichtet fühlen: "Wann werdet ihr endlich zufriedengestellt sein?" Wir können niemals zufriedengestellt sein, solange der Neger das Opfer der unaussprechlichen Schrecken polizeilicher Brutalität ist.



Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange unsere müden Leiber nach langer Reise in den Motels an den Landstraßen und den Hotels der großen Städte keine Unterkunft finden. Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange die Bewegungsfreiheit der Neger in erster Linie darin besteht, von einem kleinen Ghetto in ein größeres zu gehen.

Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange unsere Kinder ihrer Freiheit und Würde beraubt werden durch Zeichen, auf denen steht: "Nur für Weiße". Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange der Neger in Mississippi nicht das Stimmrecht hat und der Neger in New York niemand hat, den er wirklich wählen möchte. Nein, wir werden nicht zufriedengestellt sein, bis das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom.

Ich weiß wohl, dass manche unter euch hierher gekommen sind aus großer Bedrängnis und Trübsal. Einige von euch sind direkt aus engen Gefängniszellen gekommen.

Einige von euch sind aus Gegenden gekommen, in denen ihr aufgrund eures Verlangens nach Freiheit mitgenommen und erschüttert wurdet von den Stürmen der Verfolgung und polizeilicher Brutalität. Ihr seid die Veteranen schöpferischen Leidens. Macht weiter und vertraut darauf, dass unverdientes Leiden erlösende Qualität hat.

Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Georgia, geht zurück nach Louisiana, geht zurück in die Slums und Ghettos der Großstädte im Norden in dem Wissen, dass die jetzige Situation geändert werden kann und wird. Lasst uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung.

Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist im amerikanischen Traum. Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: "Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind."



 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.


Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.



Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.

Ich habe einen Traum heute...



Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie "Intervention" und "Annullierung der Rassenintegration" triefen ..., dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.



Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.

 

Das wird der Tag sein, an dem alle Kinder Gottes diesem Lied eine neue Bedeutung geben können: "Mein Land von dir, du Land der Freiheit singe ich. Land, wo meine Väter starben, Stolz der Pilger, von allen Bergen lasst die Freiheit erschallen."

Soll Amerika eine große Nation werden, dann muss dies wahr werden.

So lasst die Freiheit erschallen von den gewaltigen Gipfeln New Hampshires. Lasst die Freiheit erschallen von den mächtigen Bergen New Yorks, lasst die Freiheit erschallen von den hohen Alleghenies in Pennsylvania. Lasst die Freiheit erschallen von den schneebedeckten Rocky Mountains in Colorado. Lasst die Freiheit erschallen von den geschwungenen Hängen Kaliforniens. Aber nicht nur das, lasst die Freiheit erschallen von Georgias Stone Montain. Lasst die Freiheit erschallen von Tennesees Lookout Mountain. Lasst die Freiheit erschallen von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi, von jeder Erhebung lasst die Freiheit erschallen.

Wenn wir die Freiheit erschallen lassen — wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes — schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken — sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können:

"Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!"

Twitter - Papst 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ein Christ verkündet munter das Evangelium.

Er kann die Freude, die aus der Bekanntschaft mit Christus kommt, nicht für sich behalten.“

 

Papst Franziskus am 19.Juni 2013 über Twitter

 

Recht hat er, der Papst! Seine Botschaften per Twitter erreichen mich regelmäßig. Ob es wirklich seine eigenen Botschaften sind, das weiß ich natürlich nicht. Vermutlich hat er einen Twitter-Angestellten, der ihm die Botschaften schreibt. Aber immerhin, diese Zeilen schaffen es auf die offizielle Seite des Pontifex. Ich lese die kurze Sätze aus Rom auch nicht täglich, aber heute habe ich aus lauter Langeweile mal wieder die sozialen Netzwerke kontaktet. Und ich bin beim Pontifex hängengeblieben. Vermutlich gefällt mir der Satz so sehr, weil er mir, was mein eigenes Erleben angeht, so nah ist. Ja, das geht mir so.

 

Die „Bekanntschaft mit Christus“ ist für mich ziemlich wesentlich. Daraus entsteht bei mir innere Freude. Oder Geborgenheit. Oder welches Substantiv auch immer ich dafür verwenden möchte. Ich kann es gar nicht genau beschreiben, wie oder was da vor sich geht. Ich habe ja nur von ihm gelesen, von diesem Christus, der als Jesus von Nazareth angefangen hat. Er hatte und hat mir etwas zu sagen. Die Geschichten im sogenannten Neuen Testament, die von ihm berichten, die haben mir etwas zu sagen. Manche faszinieren mich, manche machen mich fragend. Aber immer ist es etwas Anrührendes, Ansprechendes, Wachrufendes oder Tröstendes, was mir in diesen Geschichten begegnet. Und wenn diese Geschichte Worte aus dem Mund Jesu überliefern – egal, ob er diese nun wortwörtlich so gesagt hat oder ob die ersten Christen, die den biblischen Kanon zusammengestellt haben, ihm diese Worte sinngemäß in den Mund gelegt haben- , diese Worte sind für mich – unerklärbarerweise – besondere Worte. Sie erfüllen mich mit Begeisterung. Mit Staunen. Mit Freude. Ja, die Freude über das von Jesus Gesagte und Angesprochene ist wohl das, was ausgelöst wird. 

Es erfüllt mich mit Freude, wenn ich an das Leben und die Lehre und die theologisch daraus abgeleitete Botschaft des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu denke. Ich bin dankbar für Geborgenheit, die ich durch den Glauben erlebe. Und das wünsche ich eigentlich auch anderen Leuten, ohne dass ich damit sagen will, dass Leute, die keine „Bekanntschaft mit Christus“ haben, nicht auch geborgen und voller Freude leben können.

 

Mir geht es so, dass ich die Freude, die aus der „Bekanntschaft mit Christus“ kommt, nicht für mich selbst behalten kann. Manchmal wirkt das bestimmt auch etwas seltsam auf andere Leute. Es wirkt seltsam, wenn ich „munter das Evangelium verkünde“. Besonders wohl dann, wenn Leute die Welt meiner Gedanken und auch die Welt meines Glaubens nicht teilen. Dann verstehen sie vielleicht nur Bahnhof.

Lieber Papst Franziskus! Lass’ uns lernen so vom Evangelium zu sprechen, wie Christus es getan hat: So, dass die Menschen seiner Zeit es verstanden haben. In den Worten seiner Zeit. Mit viel Liebe. Ohne Ausgrenzung und immer den einzelnen Menschen im Blick. Franziskus, ich glaube, wir Beide haben noch etliches zu lernen. Herzlichen Gruß für heute, ein freikirchlicher Mitchrist.

 

Pfingsten 2013 Neville Callam


Spirit-inspired Hope

The urgent need to proclaim the Gospel to all people everywhere is at the center of the Baptist vision. A variety of legitimate means are employed in the proclamation; however, there is no dispute over the end in view. It is the realization of God's will for the salvation of the world.

Followers of Christ know that they, and the ecclesial bodies in which they participate, have an unquestioned responsibility to spread the Good News concerning what God has accomplished in Jesus Christ. Constancy in discharging this duty is a sign of the way we live out the baptized life. Whenever believers in Christ exercise the privilege of sharing the Gospel, we discover it to be a wonderful source of joy. In fact, we are told that heaven reverberates in joy over each person who, receiving the Good News, turns to Christ in repentance (cf. Luke 15: 7, 10).

Let us never underestimate the relationship between the operation of the Holy Spirit and the human endeavor to bear witness to Christ.  Because the Spirit by nature points to Christ and because the church is the community in which the Holy Spirit is present – as the events on the Day of Pentecost remind us – the entire church community is given the vocation to evangelize the world (Mark 16:15; 1 Peter 2:9). Besides, the Holy Spirit also gives special gifts that enable disciples of Christ to carry out their vocation as evangelists (Ephesians 4:11).

When the church and its members fulfill their responsibility as witnesses to Christ, the Holy Spirit blesses their work, enabling it to bear fruit. When we preach the Gospel before a congregation, when we share with our friends and acquaintances the story of our life-transforming encounters with Christ, and when we help people see the face of Christ through our deeds of mercy and love that lead to their empowerment, the Holy Spirit is at work in us. And when people receive the word of the Gospel and come into the experience of new life in Christ, the Holy Spirit is at work (John 3:5-8; 1 Thessalonians 1:4-6). Not surprisingly, then, as we recall the events of the Day of Pentecost (Acts 2), our hearts overflow with joy.

How indebted we are to the Holy Spirit through whose operation many have found their way to the home where they experience the love of the one they acknowledge as their Lord! How grateful we are to the Holy Spirit for giving us the gift of hope so that we can approach the future with confidence that is strong enough to silence the dreadful clangor of a hopeless age!

Come Holy Spirit! We need you.

Neville Callam
General Secretary
Baptist world Alliance

Hilfe! Das Leben ist so schwer ...

 

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!“ Jeremia 17,14


Ein Ausspruch, der wie ein Hilfeschrei wirkt, weil es so knapp und verdichtet, so kurz und bündig die Verzweiflung eines Menschen in ein paar Worte packt. Die Worte eines Verzweifelten, der seine einzige Chance auf Hilfe allem Anschein nur noch bei Gott sieht.

Allein scheint er sich nicht mehr helfen zu können. Von anderen Menschen erhofft er sich allem Anschein nach auch keine Hilfe mehr.
Es sind die Worte eines einzelnen Verzweifelten. Worte eines Menschen, der die Welt und den Gott, an den er glaubt, schon lange nicht mehr versteht. Der Prophet Jeremia fühlte sich mit seiner Botschaft, die er dem Volk Israel auszurichten hatte, nicht nur missverstanden, nein, er wurde tatsächlich miss- oder gar nicht verstanden.

Sein Auftreten wurde von Spott begleitet, wie man einen Vers nach dem oben zitierten Vers lesen kann: „Wo ist denn des Herrn Wort, lass es doch kommen!“
Menschen aller Zeiten, die an Gott geglaubt haben, mussten und müssen sich noch immer mit Infragestellungen, manchmal auch mit Spott auseinandersetzen. Wenige trifft es wohl so hart und unerbärmlich wie den Propheten Jeremia damals.


Die Frage jedoch, wo „Gottes Wort“ denn ist, wo Gott denn handelt, wo er sich sehen lässt, diese Frage stellt sich von selbst und auch aus dem Munde vieler Menschen aufgrund der scheinbaren Abwesenheit Gottes in so vielen Belangen der Welt.

Manche Menschen und auch manche gottgläubige Menschen werden von den schweren Erlebnissen, die sie durchmachen müssen, geradezu an den Rand des Unerträglichen getrieben. Persönliches Leid, Krankheit, ungelöste Lebensfragen oder (Beziehungs-) Probleme aller Art, die die eigene Seele nicht zur Ruhe und Ausgeglichenheit kommen lassen, führen manchmal dazu, dass Menschen sich von Gott abwenden. „Wie kann Gott, von dem gesagt wird, dass er der Gute ist, so etwas zulassen?“  Persönliches Erleben und die biblische Botschaft vom barmherzigen und helfenden Gott, passen zu oft nicht zusammen.
Jeremia wählt einen anderen Weg als den Weg der Abwendung von Gott. Mit seinem Schmerz, mit seinem Schweren wendet er sich an Gott. Hinwendung statt Abwendung.
Diesen Schritt kann man machen. Augenscheinlich ist es ein unpassender bzw. unlogischer (nicht zum Verstehen der vorhergehenden Situation passender) Schritt.

Jeremia wählt mitten in seinem schweren Erleben den Weg der Hinwendung zu Gott. Er glaubt (noch immer), dass Gott die richtige Adresse für „Heilwerden“ und „Hilfe finden“ ist.
Der Glaube des Jeremia ist ein „dennoch“-, ein „jetzt-erst-recht“, ein „Gott-wird-doch-wohl-Recht-behalten“- Glaube.

Jeremia ist sich seiner Sache nicht sicher.
Selbstsichere gläubige Menschen, die sich ihrer Sache immer sicher sind, die immer mit dem Brustton der Überzeugung auftreten, die sind tatsächlich zu hinterfragen. Wenn sie nicht sowieso ganz automatisch durch persönliche, gesellschaftliche oder weltpolitische Fragen in Frage gestellt werden.

Seiner „Sache“ ist sich Jeremia nicht sicher. Er ist sich aber Gottes und dessen Hilfe sicher. Nicht, dass es nicht auch biblische Zeugnisse von Menschen, die an Gott (ver-)zweifeln, gibt.
Die Gewissheit über, neben und durch allem erleben, die Jeremia allem Anschein nach nicht los wird, ist jedoch die, dass bei Gott Heil und Hilfe zu finden ist. Die Worte, die hier für Heil und Hilfe stehen, sind in einem weiten Horizont zu sehen. Es geht bei diesen Worten nicht einfach um schnelle oberflächliche Erste Hilfe, um die kurzfristige Abwesenheit von Schmerz, Unverstandenem oder persönlichem Leid.

Mit „Heil“ und „Hilfe“ erinnert  Jeremia an Grundthemen der Gegenwart Gottes (oder, wie man neutestamentlich formulieren könnte: an Aussagen über das Reich Gottes): Da, wo Gott ist, da ist alles gut. Da ist „Heil“ im umfassenden Sinn. Da geht es Menschen innerlich und äußerlich, jetzt, momentan und auch in alle Zukunft rundum gut. Da sind Menschen gut aufgehoben, weil da der Gute ist. Da können Menschen aufatmen, weil sie die Gegenwart Gottes einatmen.
Vom „Aggregatzustand“ des Reiches Gottes, von Gottes Gegenwart bei den Menschen, können Menschen, und auch die Menschen der Bibel, nur in Bildern sprechen. Das ganze Heil, das ist, weil Gott gegenwärtig ist,  ist unvorstellbar und deswegen auch mit Worten nicht auszudrücken.

Von dieser Vision der Gegenwart Gottes, des Heils Gottes, vom Gedanken und von der Idee, dass bei Gott wirklich alles gut ist, lässt Jeremia sich nicht abbringen. Nicht durch Erlebtes. Nicht durch Spott. Durch nichts.
Der Glaube und die Hoffnung auf den heilenden und helfenden Gott sitzt fest.

Die Worte des Propheten Jeremia wurden von Juden und Christen immer wieder aufgenommen. Sie haben sich an die Worte des Jeremia gehängt. Sie haben Gleiches gesagt, gebetet, gehofft und geglaubt.


Tausendfach wurde dieses Gebet im Laufe der Geschichte hörbar. Es wurde verzweifelt geschrien. Es wurde resigniert und stumm gebetet.
Aber es wurde gebetet.

Menschen haben sich nicht von Gott abgewendet.

Beneidenswert, wenn der Glaube an den guten und barmherzigen Gott so tief in einem verankert ist.
Man kann ihn vor allem den Menschen wünschen, die um ihres Glaubens willen nicht nur verspottet, sondern verfolgt und auch gefoltert werden.
Man kann diese Worte für Menschen beten, die selbst nicht mehr beten können.

Man kann sie beten, wenn man keine eigenen Worte mehr findet.

Und gemeinsam mit anderen kann man dann vielleicht auch daran festhalten, dass Hilfe und Heil erfahrbar werden. Persönlich. Gesellschaftlich. 

 

Und für die Welt.


Zitat aus Offenbarung 21: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Die Sache mit den Schafen

 

„Jesus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“     Aus: Die Bibel, Johannes 10
 

Es stinkt. Und blökt. Schafkot übersät die Straße. Und ich stehe mitten drin in einem Gewusel von mehreren hundert Schafen. Ganz plötzlich kamen sie von rechts über die Strasse. Mitten in der niedersächsischen Kleinstadt Melle.

Mit dem biblischen Bild vom Hirten und seiner Herde kann ich eigentlich nicht so viel anfangen. Das Bild und die Realität von Schafherden gehören nicht in meinen Alltag.

Und: Zu schnell kam und kommt mir der Gedanke, dass „Schafe blöd sind“. Wenn das der Vergleichspunkt der biblischen Geschichte sein soll, dann möchte ich kein Schaf sein. Ich bin dich nicht blöd.

Auch die Worte Jesu aus dem 10.Kapitel im Johannesevangelium sind mir inhaltlich, was das Bild angeht, nicht sehr nah. „Ich bin der gute Hirte.“ Okay, okay, Jesus passt auf mich auf. Oder irgendwie so.

Den oder die Hirten, die ich am vergangenen Sonntag erlebt habe, die waren echt beeindruckend. Der Oberhirte saß auf einem Fahrrad und fuhr in einem ordentlich zackigen Tempo vor seiner Herde her. Hinter der Mega-Herde die Hirtin. Motorisiert auf einem großen Traktor. Sie rief und pfiff vom Traktor runter, um die Herde am hinteren Ende beisammen zu halten. Und: Sie kümmerte sich besonders um ein offensichtlich angeschlagenes einzelnes und langsames Schaf.

Das war schon eindrücklich. Und es roch die ganze Zeit eindrücklich.

Am Sonntagmorgen hatte ich mich vom Drachenfest in Melle auf den Weg zur etwa vier Kilometer entfernten Baptistengemeinde gemacht. Auf dem E-Skate, das ein Sponsor für ewigkite.de zur Verfügung gestellt hat. Das war eine herrliche Fahrt zum Gottesdienst: Ein leise surrender Elektromotor unter dem Skateboard. Felder und Wiesen, sonniger Himmel und sommerliche Eindrücke. Und dann der Gottesdienst. Vertraut freikirchlich.

Um die anderen Mitarbeiter nicht zu lange allein zu lassen, habe ich mich etwas verfrüht aus der Gottesdienst verdrückt.

Ich fuhr gerade um eine Kurve, als sie ankam. Die Herde. Auf der wenig befahrenen – wer ist Sonntagmorgens schon unterwegs? – Ausfallstrasse aus Melle raus.

Ich stand mit dem E-Skate fest. Mitten in einer blökenden und stinkenden Schafherde.

Es muss ein Bild zum Lachen gewesen sein. Ich habe mit einem Grinsen auf dem Gesicht etliche Handy-Bilder von dieser Szenerie gemacht.

Ich habe gewartet. Und den Atem angehalten. Und gegrinst. Und an biblische Bilder vom Hirten und der Herde und von den Schafen gedacht.

Dass Schafe stinken, das steht nicht in der Bibel. Das wussten die Verfasser aber auch (oder sie haben es nicht als Gestank wahrgenommen). Gewusst haben sie aber sicher, dass eine Kot-Schneise zurückbleibt, wenn sich eine Herde schnell bewegt.

Am kommenden Tag habe ich in Johannes 10 nachgelesen.

„Meine Schafe hören meine Stimme!“ Ja, das habe ich erlebt. Die Hirtin auf dem Traktor hat gerufen, gesprochen, gepfiffen. Und die Schafe haben reagiert.

Jesus hat auch gesprochen. Er war ein „Rufer“. Er hatte etwas zu sagen. Jede Menge Gutes und Liebvolles. Höre ich hin? Na klar. Ich bin doch nicht blöd.

Das, was Jesus zu sagen hat, das ist gut und wertvoll. Hilfreich fürs Leben. Ich komme eben nicht unter die Räder, wenn ich mir anhöre, was Jesus zu sagen hat. Der sorgt durch seine Worte und sein „Rufen“ dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin. War schon klasse zu sehen, wie die Schafe auf die Stimme der Traktor-Hirtin gehört haben. Und wie sie sich besonders um ein „lahmes Schaf“ gekümmert hat.

Das Bild vom Hirten und seiner Herde könnte man sicher vielfältig ausschlachten und auslegen. Ich bezweifele aber, dass die biblischen Texte dafür da sind. Was ist der eine Punkt, die wesentlichste Aussage, das, worauf es Jesus in seiner Reden vom Hirten ankommt?

Mir scheint es so, als ob es bei dieser Rede viel mehr um Gott, um Jesus als um die blöden Schafe geht.

„Ich gebe ihnen ewiges Leben.“ „Der Vater und ich sind eins“. „Niemand wird sie aus des Vaters Hand reissen.“ Das sind schon starke Worte. Da wird für mich deutlich, wie gut der Gott ist von dem Jesus redet. Wie gut er es mit den Menschen meint.

Das ist schon eine besondere, schöne und für mich auch Mut machende Nachricht: Nichts und niemand wird mich von Gott trennen können.

Und dann ist da in dieser Rede Jesu, die eigentlich nach Wolle und Schafskot riecht und die geradezu nach romantisierenden Auslegungen zu schreien scheint, dieser schlichte Satz ganz ohne bildhaftes Element: „Mein Vater ist größer als alles!“ Das klingt nach „Mein Papa ist der Größte!“. Und erst ist hier von Jesus wohl auch so gemeint.

Der Gott, von dem Jesus redet, ist größer als alles.

„Selbstverständlich“ werden verständnisvolle Leser der Bibel sagen. Denn wenn Jesus sich mit den Worten „Ich bin“ der gute Hirte vorstellt, dann erinnert er damit an das „Ich bin, der ich bin“ mit dem sich Gott dem Mose am brennenden Dornbusch vorgestellt hat. Und wenn von diesem „Ich-bin-Gott“ die Rede ist, dann ist vielen Lesern klar: Ja, größer geht es wirklich nicht.

Was bleibt für mich von der Hirtenrede und von meinem stinkenden Erlebnis in Melle?

Der Eindruck, die Erinnerung daran, dass Gott größer ist.

Diese Überzeugung könnte ich mit Bildern und Worten ausmalen.

Er ist der Schöpfer, ich bin Geschöpf.
Er ist allumfassend, ich bin begrenzt.
Er ist voller Liebe und Hilfe. Ich bin das nicht.
Er ist der Hirte. Ich bin ein Schaf. Blöd bin ich aber nicht.

Diese Glaubensüberzeugung kann ich auch ohne Bilder zum Ausdruck bringen:

Gott ist größer als alles.

 

 

NACHTRAG: Sollte ich, wie manche andere Pastoren und Pastorinnen sicherlich auch in der Gefahr stehen, mir einzubilden, dass wir die Hirten der Herde sind, so erinnere ich mich an das, was mir nach dem stinkenden Erlebnis widerfuhr:  Ich kam auf dem Eventgelände des Drachenfestes an und sah, dass die beiden Mitarbeiter die Aufblasbare Kirche und die Kirchenhüpfburg bereits aufgebaut hatten. Ein Gottesdienst war vom Veranstalter des Drachenfestes nicht angedacht oder ins Programm aufgenommen worden. Deswegen hatten wir auch keinen geplant. "Carsten, Du hast echt was verpasst! Wir haben Gottesdienst gefeiert!" Um 10 Uhr waren einfach etliche Drachenfestteilnehmer aufgetaucht und hatten gesagt: "Wir wollen jetzt Gottesdienst feiern!" Das habe sie dann auch. Mit tollen spontanen Mitarbeitern und ganz ohne den "Hirten"-Pastor Carsten. Geht doch. Und war vielleicht auch besser so ... .

Reich Gottes mitten unter euch!

 

 

„Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Lukas 17


Das Telefon hat geklingelt. Ohne, dass ich es erwartet habe.

Manchmal erwarte ich etwas. Manchmal sehne ich mich z.B. danach, etwas vom Reich Gottes  zu erleben, zu erfahren, hautnah zu spüren. Ja, ich möchte manchmal so gerne sagen können: "Hier ist es!" oder "Da ist es!" Etwas sehen vom „Shalom“, vom umfassenden Besser-Leben, von dem die Bibel spricht. Vom Leben, bei dem das Leben klappt, gelingt, zurecht kommt. Ich predige so oft vom Reich Gottes. Und manches Mal predige ich mir selbst. „Es wird schon noch, es kommt, es wird sich durchsetzen.“ Die Realitäten des eigenen Lebens, der Leben, welche ich bei anderen Leuten mitbekomme und der Gesamtzustand dieser Welt mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Ungerechtigkeiten lässt mir manchmal das Wort, die Predigt vom Reich Gottes im Halse stecken.


Am Sonntagabend hat das Telefon geklingelt.

Ohne, dass ich es erwartet oder ersehnt  habe, hat sich für mich etwas ergeben, was ich aus meiner Sicht dem Reich Gottes zuordne. Andere mögen das anders sehen. Als ich aber nach dem Klingeln und nach dem Gespräch aufgelegt habe, war es mir, als ob ein kleiner Sonnenstrahl aus dem Reich Gottes ein paar dunkle Gedanken weggeleuchtet hätte.

„Spreche ich mit Carsten Hokema?“ Ja, beantwortete ich die Frage. Der Name und die Stimme des Mannes kamen mir nicht bekannt vor. Ob ich mich daran erinnern würde, dass ich ihn vor gut 5 Jahren an einem Sonntagmorgen vom Radweg aufgehoben habe. Die Erinnerung wurde wach: Meine Frau und ich waren zu Fuß auf dem Rückweg von der Kirche und wurden von einem stark alkoholisierten Radfahrer überholt, der dann kurz vor uns umkippte und am Boden liegen blieb. Ich lief zu ihm hin, redete ein wenig auf ihn ein, versuchte rauszukriegen, wo er herkam, bestellte per Handy ein Taxi und gab dem Taxifahrer 10 € für die Fahrt. Als wir den Mann ins Auto bugsiert hatten, sprach ich noch ein wenig mit ihm. So a la „Sie sollten Sonntag morgens etwas anderes machen, als auf Radwegen rumliegen, alles Gute, ich hoffe Sie kriegen ihr Leben wieder in den Griff, ändern Sie etwas an ihrem Leben .... und hier ist meine Visitenkarte, falls Sie mir die 10 € mal zurückgeben wollen.“

Mehr als 5 Jahre später rief mich der Mann am vergangenen Sonntag Abend an.

Meine Visitenkarte hatte er 5 Jahre lang bei sich. „Sie haben mein Leben verändert, auch wenn ich noch knapp zwei Jahre gesoffen habe. Ich habe immer wieder an ihre Worte gedacht.“ Der Mann berichtete mir, dass er inzwischen nach einem furchtbaren sozialen Abstieg wieder trocken ist, neu verheiratet ist und einen neuen Beruf erlernt hat.

Tränen füllten meine Augen. „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Es ist schon da. Das zukünftige, für mich und alle anderen Menschen sichtbare Reich Gottes erwarte ich noch. Bis dahin will ich daran festhalten, dass das „Reich Gottes schon mitten unter uns ist“.

Auch wenn der Mann demnächst wegzieht, ich werde ihm eine Gemeinde an seinem neuen Wohnort empfehlen.
Hoffentlich wird dort vom Reich Gottes gepredigt.

Ich habe seine Handynummer gespeichert.
Wir bleiben in Kontakt.
 

Der Wettermacher

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!


Die Geschichte von der Stillung des Sturms durch Jesus könnte dazu führen, dass man Jesus als „Der Wettermacher“ bezeichnet. Einerseits wäre das treffend, da der Evangelist Markus berichtet, dass Jesus den Sturm gestillt hat – einfach so, durch ein paar meteorologisch nicht nachvollziehbare Worte -  , andererseits wäre das auch nicht ganz zutreffend. Oder zumindest wäre mit „Der Wettermacher“ nicht ausreichend beschrieben, wer Jesus ist. Er ist viel mehr als „Der Wettermacher“. „Der Wettermacher“, das würde Jesus auf einer nur äußerlichen, vielleicht kurzfristig bewundernswerten Ebene beschreiben. Deutschland sucht den Super-Meteorologen. Alle staunen, alle klatschen und schon ist er wieder aus dem Rampenlicht.
Schaut man sich die Geschichte von der Sturmstillung einmal im Zusammenhang des Markus-Evangeliums an, dann fällt auf, dass sie mit

„Am Abend desselben Tages“ beginnt.
Dieser Tag war bisher ein Tag voller Theorie gewesen. Nachdem Jesus zwölf Jünger berufen hatte, Stress mit den religiösen Führen seiner Zeit gehabt hatte und klar gemacht hatte, wer hier eigentlich wirklich mit ihm „verwandt“ ist, gab es für die ersten Jünger eine dicke Theorieeinheit. Sozusagen Blockunterricht in Sachen Reich Gottes: In Markus 4 finden wir ein Gleichnis nach dem anderen, das es mit dem reich Gottes zu tun hat (Gleichnis vom Sämann, Deutung des Gleichnisses, Gleichnis vom Wachsen des Saat, Gleichnis vom Senfkorn). Am Ende der Theorieeinheit heißt es dann: „Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen.“
Nach so viel Theorie war dann erstmal Feierabend. Ab ins Boot. Über den See. Vielleicht irgendwo hin, wo man seinen brummenden Kopf auf einen Strohballen legen und tief schlafen konnte.

Jesus tat das schon mal. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Hätten die Jünger vielleicht auch gerne gemacht. Die mussten aber rudern oder Segel setzen. Das Wetter war nämlich alles andere als zum Schlafen. „Wellen schlugen in das Boot!“ Für Jesus vielleicht nette Schunkelbewegungen, die ihn an die Bewegungen im Schwangerschaftsbauch der Maria erinnerten und ihn tief und fest schliefen ließen. Für die Jünger aber Grund zur Frage, nachdem sie den Schläfer aufgeweckt hatten: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Nein, er hatte offensichtlich nur Schlaf in den Augen und anscheinend keinen Augen-Blick für seine Leute.
Nach einem Tag voller Theorie folgte eine praktische Glaubens-Einheit. Erfahrbar und spürbar am eigenen Leib. Keine Gleichnisse mehr, sondern reales Leben, an dem es nichts zu deuteln gibt. Todesangst. Da hilft kein Gleichnis. Da hilft kein frommer Spruch. Und den macht Jesus auch nicht.
An dieser Geschichte wird deutlich, dass die ersten Jünger das erlebt haben, was Christinnen und Christen aller Generationen nach ihnen auch erlebt haben. In der Nachfolge Jesu ist das Leben nicht harmlos. Das Christen-Leben ist nicht spiegelglatt, einfach so zum Dahinrudern.
„Interessiert Du dich gar nicht für uns?“, „Ist dir egal, was mit mir passiert?“, „Hast Du nicht irgend eine lebensrettende Maßnahme für mich zur Hand?“, „Jesus, kannst Du es mir nicht ein bisschen netter machen, mir helfen, dafür sorgen, dass ich als dein Nachfolger etwas oder sogar sehr viel komfortabler lebe?“
Manche Christen stehen in der Gefahr, aus dem christlichen Glauben eine religiöse Verplüschung ihres Lebens zu machen. Am besten noch: An Jesus glauben bringt Gesundheit, wirtschaftlichen Erfolg, die richtige Frau, den richtigen Mann an meine Seite. „Jesus, Du machst mir doch das Leben schön, oder?“

Millionen Christen dieser Welt machen andere Erfahrungen. Nichts mit Sturmstillung. Nichts mit Gesundheit. Nichts mit wirtschaftlichem Wohlergehen. Ihre Praxis-Erfahrungen zeigen, dass es in der Nachfolge Jesu um mehr geht als um den „Wettermacher“, um mehr als um Sturmstillung.

Und auch die Jünger im Boot schnallen Stück für Stück, dass die Theorie des Tages, die Theorie vom Reich Gottes auch ihr Leben bestimmen soll.

Es geht gar nicht um ihr kleines Leben. Das steht nicht im Mittelpunkt. So wünschenswert, wie Überleben und Gesundheit ist. In seinen Gleichnissen hatte Jesus tagsüber deutlich gemacht, dass es um das reich Gottes geht. Glücklicherweise hat der Evangelistenkollege Matthäus das Vaterunser überliefert. Da lehrt Jesus seine Leute beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe.“ Und nicht: „Unser Vater im Himmel. Geheiligt werde dein Name, wenn du unser netter Wettermacher bist und für Sonnenschein im Leben sorgst!“

Das scheint also eine Grunderfahrung von Christen zu sein: man fühlt sich hängen gelassen, auch von Gott/ Jesus verlassen. Das ändert aber noch nichts an der Existenz Gottes. Im Glauben geht es eben um mehr als um meine eigene Befindlichkeit.
Dann aber doch:

„Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme!“ Jesus greift ein. Meteorologisch nicht zu erklären. Die Bibel will das auch gar nicht wissenschaftliche erklären. Sie ist weder ein Physik-, noch ein Bio-, noch ein fachkundliches Buch über Meteorologie. Sie ist ein Buch, welches Glauben wecken und fördern will.

Und deswegen berichtet Markus, dass Jesus „sprach“. Er „sprach“ und alles wurde glatt. Spiegelglatt. Bestens. Das Wort „sprechen“ erinnert an dieser Stelle an das göttliche „Sprechen“ aus der Schöpfungsgeschichte.

„Und Gott sprach“ und es wurde. Wenn Jesus auftritt, das soll hier wohl deutlich werden, dann ist Gott selbst, der Schöpfer, am Werk. Jesus und Gott gehören zusammen. Jesus ist Gott. Deswegen: Keine Sorge, es wird schon alles gut, denn Gott hat seine Leute noch nie hängen lassen.
Wenn Jesu spricht, dann passiert etwas.
Darauf kann man sich verlassen. Er ist eben nicht nur ein Seemann oder Gleichniserzähler.
Und auch das haben Christinnen und Christen aller Generationen erlebt: Das Wort Gottes, das „Sprechen Gottes“, das hat Bestand.

Und wie, was spricht Jesus?
Zum einen klar und deutlich, „bedrohend“ steht im Text. Gegenüber den Naturgewalten, so scheint es, wird hier klargestellt, wer der Chef ist.

Und dann spricht Jesus zu seinen Jüngern: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Nun hat Jesus den ganzen Tag ein Gleichnis nach dem anderen erzählt, hat die Grundlagen der Glaubens-Theorie gelegt und die Jungs haben es noch immer nicht kapiert. Die Worte Jesu an seine Jünger, sie sind aber nicht „bedrohlich“. Die sind auch nicht heftig, vorwurfsvoll oder moralisierend formuliert oder ausgesprochen. Nein, es ist, als ob Jesus an dieser stelle einen seelsorgerlichen, verständnisvollen, einfühlsamen Ton anschlägt. „Och Mensch, habt ihr es noch immer nicht geschnackelt? Ihr seid ja auch ein bisschen begriffsstutzig in Glaubensdingen?“
Jesus macht seine Leute nie fertig. Er rechnet nie mit ihnen ab. Er moralisiert nicht. Es ist eher ein „So viel Theorie und kaum wird es praktisch, macht ihr euch in die Hose!“ Das aber nicht als Vorwurf, sondern eher als verständnisvolle Feststellung.
Jesus allein als den Wettermacher zu bezeichnen, das wäre also viel zu wenig. Jesus möchte Glauben vermitteln. Er möchte zum Vertrauen zu Gott einladen. Er möchte viel mehr erreichen als spiegelglatte See oder ein spiegelglattes Leben. Jesus geht es um das Reich Gottes. Man kann und soll Gott vertrauen, dass er den Horizont schon im Blick hat.
„Die Jünger aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“

Jesus will Glauben wecken – und die Jünger bekommen Angst. Verkehrte Welt in dieser biblischen Geschichte.
Vermutlich haben sie sich gefürchtet, weil sie Jesus in erster Linie als den „Wettermacher“ gesehen haben. Sie haben nicht hinter die Kulisse geschaut. Das vordergründige Erleben haben sie nicht in Verbindung gebracht mit der Theorie des Tages oder mit dem Schöpfungswort des Meisters an Bord.
Christen, die den Glauben auf der Ebene des „Wetters“ abhandeln, Christen, die Jesus hauptsächlich oder nur als „Wettermacher für ihr eigenes Leben“ ansehen, die fürchten sich auch heute noch. Die haben vor allem und jedem Angst. Die sehen hinter jeder Hecke ein Teufelchen und in jeder Wolke am Himmel einen Sturm. Die fürchten sich vor der „bösen, stürmischen Welt!“

Das brauchen Christen aber nicht. Jesus hat da einen guten Rat: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen!“

God is love

 

 

God is not a man
God is not a white man
God is not a man sitting on a cloud

God cannot be bought
God will not be boxed in
God will not be owned by religion

but God is Love, 
God is Love,
and He loves everyone
God is Love,
God is Love, 
and He loves everyone

God is not a man
God is not an old man
and God does not belong to Republicans

God is not a flag
not even American
and God does not depend on a government

but God is good, 
God is good,
and He loves everyone
God is good,
God is good, 
and He loves everyone

 

athiests and charlatans,
and communists and lesbians,
and even ol' Pat Robertson
Oh God, He loves us all
Catholic or Protestant,
terrorist or president,
everybody, everybody loved, loved, loved, oh

 

God is Love
God is Love
and He loves everyone

 

stop the hating, please just stop the hating now

'cause God is Love

oh, oh, oh

 

Fastenzeit 2012

 

Keine Ahnung, wieviel Ahnung ihr von christlichen Traditionen oder christlichen Gewohnheiten habt, aber ab Morgen ist Fastenzeit!

Karneval ist vorbei, der Nubbel (oder wie dieses Ding heißt) ist verbrannt, alles wird wieder normal, alltäglich - einfach Schluss mit lustig! In christlichen Kreisen gibt es viele Menschen, die in dieser Zeit auf etwas verzichten - fasten. Z.B. auf Süßigkeiten, Rauchen, Alkohol, Schokolade. Halt lauter solche Sachen, einfach um sich und Gott zu beweisen, dass sie von diesen Dingen nicht abhängig sind und auch ohne können bzw. ihr Glück nicht daraus ziehen. Oder manchmal einfach nur, um ein paar Kilos oder Gramm zu verlieren. Das ganze geht dann mehr oder weniger 7 Wochen bis Ostern so, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ich weiß das so genau, weil ich das auch schon ein paar Jahre mitgemacht habe. Wie gesagt, mal mehr, mal weniger erfolgreich :-)

Ich merke, dass ich es manchmal gar nicht mehr hinterfrage. Heute Mittag fand ich dann einen Zettel bei mir auf der Arbeit. Dazu müsst ihr wissen, dass ich in einem katholischen Krankenhaus arbeite und die "Geistlichen" christliche Feste zum Anlass nehmen um besinnliche nachdenkliche Texte und Briefe an die einzelnen Abteilungen/ Mitarbeiter zu verteilen. Auf diesem Zettel befand sich einer dieser besinnlichen Anschreiben - und er hat diesmal voll ins Schwarze getroffen.

Heute Morgen habe ich schon vor dem Austehen die erste Krise gekriegt und mich gefragt, wie ich diesen Tag bzw. diese Woche überstehen soll. Im Moment geht es bei mir etwas drunter und drüber, die Tage haben definitiv KEINE 24 Stunden mehr, ich rödel und rödel und schaffe trotzdem nix. Objektiv betrachtet, mag vielleicht der eine oder andere sagen, dass hier doch was gut läuft oder da, aber so fühlt es sich absolut nicht an. Keine Ahnung, ob ihr solche Phasen kennt, in denen ihr nur am rotieren seid und gedanklich schon bei dem nächsten Punkt auf der To-Do-Liste seid, obwohl der vorletzte Punkt noch nicht abgehakt ist.

So geht es mir zur Zeit, von daher ist es auch kein Wunder, dass mir auf dem Weg zur Arbeit klar geworden ist, dass ich heute unbedingt Überstunden abbummeln muss.

Lange Rede kurzer Sinn. Nach einem stressigen Vormittag, bin ich dann später als geplant gegangen, .... und da fiel mir oben genannter Zettel in die Hand. Darauf standen ein paar ganz andere Gedanken zur Fastenzeit.

Es ging darum, dass diese Zeit einem auch die Möglichkeit bietet, alte Gewohnheiten abzulegen, inne zu halten, das Tempo zu verlangsamen. Der Text sagte mit, dass es nicht nur darum geht ohne Schokolade auszukommen, sondern dass ich die Chance habe wieder zur Ruhe zu kommen, frei zu sein von Eile, Geschäftigkeit etc..

Ich finde es ist enorm schwer, wenn man einmal in dieser Tretmühle ist, dieses Rad anzuhalten. Selbst wenn man das Rad nicht weiter aktiv antreibt, dreht es sich durch den bereits erworbenen Schwung noch lange weiter. Mir ist klar geworden, dass die Fastenzeit auch so eine Art Bremse sein kann, die das Rad einfach anhält.

Klar sind die sieben Wochen der Fastenzeit ganz normale Wochen, aber ich kann diese Zeit, die JETZT ist dafür nutzen, um mein Rad jetzt anzuhalten bzw. das Tempo enorm zu verringern.

Wenn ich nur am Drehen bin, fehlt mir oft der Blick für das Wesentliche, für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind und mir gut tun. Ich werde ungeduldig, ungerecht und manchmal auch unbarmherzig, weil ich einfach unausgeglichen bin. Ich mag aber diese ganzen "un-"s in meinem Leben nicht.

Es würde mir auf jeden Fall gut tun. Wie und ob ich es schaffe, dass Rad zum stoppen zu bringen weiß ich noch nicht, aber ich will es auf jeden Fall versuchen :-)


Aber zum Glück habe ich ja sieben Wochen dafür Zeit... Dann ist Ostern. Jesus ist ans Kreuz gegangen, damit ich frei bin.Nicht nur frei von Schuld, sondern auch frei von Zwängen/ Druck, den ich und andere mir auferlegen!

Samantha Faber