Wind und Geist

Gottes Geist macht keinen großen Wind!

Drachen steigen lassen ist was Tolles. Als ich ein kleiner Junge war habe ich mir einfach ein paar Holzleisten besorgt und sie mit Bastelpapier bespannt. Dann habe ich ein paar Schnüre an den Holzleisten befestigt und eine lange Drachenschnur dran geknotet. Und schon konnte der Spaß losgehen. Natürlich nur, wenn Wind war.

Jetzt bin ich schon ziemlich viel älter geworden. Aber Drachen finde ich noch immer toll. Die Drachen, die ich besonders mag, die sind ziemlich groß. In meinem Hobbykeller ist zwischen 2 und 26 qm Drachenfläche fast alles zu finden. Von den „Powerkites“ lasse ich mich in einem kleinen Wagen mit 3 Rädern („Buggy“) oder auf einem Skateboard mit großen Reifen („Mountainboard“) über den Strand ziehen. Aber auch das geht nur, wenn Wind ist. Manchmal sitze ich mit meinen Drachen, meinem Buggy oder Mountainboard am Strand und warte auf Wind.

Auf dem Wasser finde ich Drachenfliegen besonders klasse. Dann habe ich mein Kiteboard, hake den Drachen an meinem Trapez ein und schon geht’s los: Mit der Kraft des Windes werde ich übers Wasser gezogen. Kitesurfen macht mir am meisten Spaß! Aber auch das funktioniert nur wenn Wind ist. Wenn ich Kitesurfen will und kein Wind ist, dann liegen der Drachen und ich im Wasser. Dann bewegt sich weder der Drachen in der Luft noch ich mich auf dem Wasser.

Wenn viel Wind ist, dann ist das großen Drachen übrigens ziemlich gefährlich. Dann darf man auf gar keinen Fall den Drachen ins Trapez einhaken. Nicht selten wird man dann durch die Luft geschleudert. Ich selbst habe schon so manche Verletzung hinter mir. Auch Drachenschnüre können, wenn der Wind ordentlich pustet, scharf sein wie Rasierklingen.
Wenn man vorsichtig ist, dann geht aber auch beim „Powerkiting“ alles gut.

Irgendwann ist mir beim Bibellesen mal aufgefallen, dass das Thema „Wind“ schon auf der ersten Seite der Bibel erwähnt wird. Die ersten beiden Verse der Bibel lauten:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war dunkel auf der Erde; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ (1.Mose1,1+2)

Wo ist denn da von Wind die Rede? Oft habe ich mir überlegt, wie denn der Geist Gottes über dem Wasser schweben konnte. „Wie sah der Geist denn aus?“, habe ich mich dann gefragt. Und dabei habe ich meistens an irgendwelche Filme gedacht, in denen Geister vorkommen. Aber das ist natürlich Quatsch! Manchmal habe ich mir den Geist Gottes auch als so eine Art Wasserdampf oder als irgend eine Art „geistlichen Nebel“ vorgestellt. Bei Temperaturunterschieden kann man in der Natur ja solche Phänomene beobachten.

Die ersten Verse der Bibel wurden für mich in ein neues Licht gerückt, als mir jemand erklärte, dass das hebräische Wort für „Geist“ auch mit „Wind“ übersetzt werden kann. Mein Verständnis des Schöpfungsberichtes hat sich seither verändert. Da war vermutlich nichts Geheimnisvoll-qualmend-mystisches über dem Wasser. Da war einfach Wind über dem Wasser. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass der „Geist“ Gottes nicht da war. Nein, nicht Wind statt Geist. Sondern: Geist und Wind gehören zusammen. Sie sind nicht auseinander zu denken. Der Geist Gottes war so da, wie der Wind da war – ganz sanft, „schwebend“ eben.

Wenn der Wind mit ein paar Windstärken, mit 6 oder 10 beaufort, gepustet hätte, dann hätte es auf dem Wasser so ausgesehen wie an Land. Da war es nämlich „wüst und leer“. „Wüst und leer“ könnte man ins Deutsche auch mit dem für uns verständlichen hebräischen Wort „Tohuwabohu“ übertragen. An Land war Tohuwabohu und auf dem Wasser war es ganz entspannt und ruhig. Weil der Wind eben nicht heftig blies, sondern Gottes Geist ruhig schwebte.

Das finde ich toll! Wo Gottes Geist ist, da ist kein Tohuwabohu. Da geht’s nicht drunter und drüber. Da ist kein Chaos. Gott sorgt durch seinen Geist für ruhige, wohltuende, geordnete und sichere Verhältnisse. Damit sind natürlich keine spießbürgerlichen Verhältnisse gemeint. Natürlich sorgt der Geist Gottes auch für Veränderung usw..

Ganz interessant sind in diesem Zusammenhang auch die „ruhigen“ Worte über Gott und seinen Geist, die Paulus in seinem bekannten „Geistkapitel“ schreibt (vgl. z.B. 1.Kor.14, 33).

Die erste Geistaussage der Bibel finde ich für mich persönlich tröstlich und hilfreich: Wenn in meinem Leben mal wieder „Landunter“ ist, wenn ich den Eindruck habe, dass das Lebens-Chaos mich beherrscht und ich alles andere als ein Genie bin, welches das Chaos beherrschen könnte, dann denke ich an den Geist Gottes. Der bringt Ruhe und Gelassenheit und auch Trost und Frieden in mein Leben.

Jesus beschreibt den heiligen Geist als den „Tröster, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Johannes 14,26).

Jesus beschreibt den Geist Gottes zu aller erst als den „Tröster“. Das passt für mich zu dem leichten „schwebenden“ Wind aus dem Schöpfungsbericht. Gott sorgt für Ordnung und Ruhe und nicht etwa für ein Tohuwabohu in meinem Leben. Gottes Geist sorgt dafür, dass ich in meinem manchmal stürmischen Leben ruhig und gelassen werden kann. Und er tut das, in dem er mich „alles lehrt und an alles erinnert“, was Jesus gesagt hat. Für mein Leben kann ich dem nur zustimmen: Wenn ich an die liebenden und vergebenden Worte Jesu erinnert werde, wenn ich mich daran erinnere, was Jesus zu den Menschen seiner Zeit und in seinen wichtigen „Reden“ (z.B. Mt. 5-7) gesagt hat, dann wird auch in meinem Leben so manches zurecht gerückt. Dann sehe ich manche Dinge, die wie ein dickes Durcheinander aussehen, auch schon etwas gelassener.

Seit ich die Sache mit dem „Geist-Wind“ für mich verstanden habe, mag ich mein Hobby noch mehr. Nicht selten lasse ich Drachen steigen und denke:
“Klasse, dass der Wind da ist! Für mich ist er ein Zeichen dafür, dass Gottes Geist in seiner Welt weht!“ Und dann wundern sich manche Leute, warum ich so lächele.

Der kleine Drache

Die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ ist vielen Leuten bekannt.
Sie ist in der Bibel zu finden. Im Neuen Testament.
Beim Evangelisten Lukas, im 15.Kapitel.
Jesus erzählt von einem Vater, der zwei Söhne hatte. (Nebenbei: Von der Mutter sagt er nichts. Warum eigentlich nicht?) Der jüngere Sohn wird von der Abenteuerlust gepackt, lässt sich sein Erbe auszahlen und macht sich auf den Weg. Aber irgendwie gelingt ihm sein Leben nicht so, wie er sich das gedacht hat. Als er am Ende ist, beschließt er, zu seinem Vater (und Bruder und Mutter(?)) zurückzukehren. Das fällt ihm nicht ganz einfach. Aber der Vater wartet schon mit offenen Armen und ganz ohne Vorwürfe auf ihn.
Ein sympathisches Bild von Gott. Finde ich.
Eine nette Drachengeschichte habe ich mal irgendwo gefunden.
Und ein wenig überarbeitet.
Sie hat die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ als Vorlage.
 

Der kleine Drachen

Es war einmal ein kleiner Drachen. Seine Leisten waren aus dem feinsten Holz und bespannt war er mit dem edelsten Papier. Sein fröhliches Gesicht hatte er von dem kleinen Jungen, der ihn über alles liebte. An einem schönen Tag, war es dann soweit. Der kleine Drache konnte es kaum abwarten, endlich den Wind in seinem Gesicht zu spüren. Er war schon ganz zappelig und ungeduldig.

Er streckte seine Nase dem Wind entgegen und ließ sich von ihm höher und höher hinauftragen. Es war ein herrliches Gefühl. Die Sonne strahlte wärmend auf sein Papier und er flog den Wolken entgegen. Es schien nichts schöneres zu geben als immer weiter in die Lüfte zu steigen und es war ein Gefühl von Freiheit, die unendlich schien, weil nichts ihn aufhalten konnte.

Plötzlich gab es einen Ruck. Irgend etwas schien ihn noch an die Erde zu fesseln. Als er nach unten sah, bemerkte er die Schnur, die ihn festhielt und daran hinderte, höher hinauf zu fliegen. Da unten stand ein kleiner Junge, der ihn mit seiner Schnur festhielt. Da steckte ihm einer Grenzen, Grenzen die er vergessen hatte und nicht zu brauchen glaubte. Der kleine Drachen ärgerte sich und zog fester an der Leine. Es funktionierte. Die Schnur gab langsam, Stück für Stück nach und er flog den Wolken ein kleines Stück näher.

Der Wind wurde stärker und kam aus allen Richtungen. Der kleine Junge hatte Mühe, den Drachen zu halten und ihn vor dem Absturz zu bewahren. Der Wind riss an der Leine und verursachte jede Menge Sturzflüge. Aber jedes mal war die rettende Leine da, die den kleinen Drachen auffing und nie ganz abstürzen ließ. Soviel und sooft es auch rauf und runter ging, wie gefährlich und knapp es auch war, der kleine Drachen hatte bald seine Angst vergessen. Er hatte sogar jede Menge Spaß an der Gefahr. Bei jedem neuen Windstoß stürzte er sich wilder hinein und wirbelte fröhlich auf und ab. Die Schnur hielt ihn ja.

Doch je mehr Wind aufkam, desto weniger Leine gab der Junge frei. Er wollte seinen Drachen nicht verlieren. Die Wut des Drachens wurde immer größer. Er zerrte und zog, er wollte frei sein! Eine neue Windböe kam ihm zu Hilfe. Es gab einen kräftigen Ruck, die Schnur riss und er wurde frei.


Jetzt konnte er fliegen und sich treiben lassen wie die Vögel, wie die Wolken, wie die Blätter im Wind. Er wurde höher und höher hinaufgetragen, der Sonne entgegen – einfach wunderbar. Er schaute nicht zurück, er hörte nicht das Rufen des kleinen Jungen. Er sah auch nicht die Tränen in dessen Augen, er war jetzt frei und er wollte fort. Keine Grenzen waren im Weg und niemand hielt ihn mehr fest.

Plötzlich war die Sonne verschwunden und dichte Regenwolken verdunkelten den Himmel. Es wurde immer stürmischer und Regentropfen weichten den kleinen Drachen auf, er bekam Löcher ins Gesicht und wurde schlimm zugerichtet. Der Wind ließ ihn nach oben und tief hinunter stürzen, er trieb ihn von der Seite an und jagte ihn durch den ganzen Himmel. Der kleine Drachen hatte keine Kraft mehr und furchtbare Angst. Es wurde immer dunkler und irgendwann hörte der Wind auf. Der kleine Drache stürzte immer tiefer hinunter, ungehalten, ungeschützt.

In einem Dorngebüsch blieb er schließlich liegen – zerbrochen , zerfetzt und furchtbar allein.

Der kleine Junge war lange stehen geblieben, er hatte seinem Drachen nachgeschaut, bis dieser nicht mehr zu sehen war. Als es dunkel wurde kehrte er traurig nach Hause zurück. Wie lange hatte er an ihm gebaut und geklebt, gemalt und gebastelt! Solange bis er perfekt war. Er hatte ihm ein Gesicht gegeben und sich riesig auf dessen ersten Flug gefreut. Nun war er weg. Traurig legte er sich schlafen.

Aber am nächsten Morgen gleich ganz früh machte er sich auf die Suche. Lange war er unterwegs und als seine Füße ihn fast nicht mehr tragen wollten, sah er ein dreckiges und zerfetztes Knäuel aus Papier und Holzleisten. Er kämpfte sich durch das Gebüsch. Dann hielt er lachend seinen Drachen in der Hand. Er hatte ihn gefunden, ziemlich kaputt, aber nicht hoffnungslos.

Voller Stolz und Freude trug er ihn glücklich nach Hause. Jetzt konnte er ihn wieder zusammen flicken und alle kaputten Teile ersetzten. Der kleine Drachenwürde wieder fliegen können.

(Autor oder Autorin unbekannt; überarbeitet von Carsten Hokema)

... und hier ein passendes Video:

 
 
Und hier das Original:
 «Ein Mann hatte zwei Söhne», erzählte Jesus. «Eines Tages sagte der Jüngere zu ihm: 'Vater, ich will jetzt schon meinen Anteil am Erbe ausbezahlt haben.'
Da teilte der Vater sein Vermögen unter ihnen auf. Nur wenige Tage später packte der jüngere Sohn alles zusammen, verließ seinen Vater und reiste ins Ausland.

Endlich konnte er sein Leben in vollen Zügen genießen. Er leistete sich, was er wollte, bis er schließlich keinen Pfennig mehr besaß. Zu allem Unglück brach in dieser Zeit eine große Hungersnot aus. Es ging ihm sehr schlecht. In seiner Verzweiflung bettelte er so lange bei einem Bauern, bis der ihn zum Schweinehüten auf die Felder schickte. Oft quälte ihn der Hunger so, daß er froh gewesen wäre, etwas vom Schweinefutter zu bekommen. Aber selbst davon erhielt er nichts.

Da kam er zur Besinnung: 'Bei meinem Vater hat jeder Arbeiter mehr als genug zu essen, und ich sterbe hier vor Hunger. Ich will zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater, ich bin schuldig geworden an Gott und an dir. Sieh mich nicht länger als deinen Sohn an, ich bin es nicht mehr wert. Aber kann ich nicht als Arbeiter bei dir bleiben?'

Er stand auf und ging zurück zu seinem Vater.

Der erkannte ihn schon von weitem. Voller Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Doch der Sohn bekannte: 'Vater, ich bin schuldig geworden an Gott und an dir. Sieh mich nicht länger als deinen Sohn an, ich bin es nicht mehr wert.'

Sein Vater aber befahl den Knechten: 'Beeilt euch! Holt den schönsten Anzug, den wir im Hause haben, und gebt ihn meinem Sohn. Bringt auch einen kostbaren Ring und Schuhe für ihn! Schlachtet das Kalb, das wir gemästet haben! Wir wollen feiern! Mein Sohn war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt hat er zurückgefunden.'

Und sie begannen ein fröhliches Fest. Inzwischen kam der ältere Sohn nach Hause. Er hatte auf dem Feld gearbeitet und hörte schon von weitem die Tanzmusik. Erstaunt fragte er einen Knecht: 'Was wird denn hier gefeiert?' 'Dein Bruder ist wieder da', antwortete er ihm. 'Dein Vater hat sich darüber so gefreut, daß er das Mastkalb schlachten ließ. Jetzt feiern sie ein großes Fest.'
Der ältere Bruder wurde wütend und wollte nicht ins Haus gehen. Da kam sein Vater zu ihm und bat: 'Komm und freu dich mit uns!' Doch er entgegnete ihm bitter: 'Wie ein Arbeiter habe ich mich all diese Jahre für dich geschunden. Alles habe ich getan, was du von mir verlangt hast. Aber nie hast du mir auch nur eine junge Ziege gegeben, damit ich mit meinen Freunden einmal hätte richtig feiern können. Und jetzt, wo dein Sohn zurückkommt, der dein Geld mit Huren durchgebracht und alles verpraßt hat, jetzt gibt es gleich ein Fest, und du läßt sogar das Mastkalb schlachten!'
Sein Vater redete ihm zu: 'Mein Sohn, du bist immer bei mir gewesen. Was ich habe, gehört auch dir. Darum komm, wir haben allen Grund zu feiern. Denn dein Bruder war für uns tot, jetzt hat für ihn ein neues Leben begonnen. Er war verloren, jetzt hat er zurückgefunden!'»

(Autor: Lukas, ca. 70 n.Chr.)

Gott, der Befreier der Unterdrückten

Fragt man nach Gott, so erhält man nicht selten Antworten, die irgendwie philosophisch oder weitschweifend erklärend und beschreibend sind. Antworten, die versuchen, den Unfassbaren oder das Unfassbare in Worte zu fassen. Vokabeln wie „die Macht“, „die Idee, die hinter allem steht“, „irgendwo, aber man kann nicht genau sagen, wie“. Und gesehen hat ihn sowieso noch keiner und beweisen kann man ihn erst recht nicht. Und in der Folge der bekannten Religionskritiker wie Feuerbach oder Freud: Die „Idee“ Gott ist eine Einbildung des Menschen, der ein höheres Wesen oder ein absolutes Ich braucht, um sich daran orientieren, rückbinden zu können. Nicht selten kommt es dann zur Aussage, dass hinter allen Gottesvorstellungen und auch hinter allen Gottesbezeichnungen sowieso der eine Gott stecken würde und man möge bitte so tolerant sein und die anderen Religionen als in ihrem Gottesbild oder Gottesglauben gleichwertig zu betrachten.

Im 5.Buch Mose, Kapitel 6, wird den Hörern und Lesern des biblischen Textes ein wenig toleranter Gott vorgestellt. Ein Gott nämlich, der es nicht toleriert, dass Menschen, dass sein Volk unterdrückt wird. Gott wird als der beschrieben, der nicht irgendwie nebulös im Himmel oder sonstwo rumsitzt und sich einen schönen Tag nach dem anderen macht, sondern der sich einmischt in die Geschichte der Armen und Unterdrückten und damit auch in die Geschichte der Reichen und Unterdrücker.

„Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.“
5.Mose 6, 20 ff

Einen „heile“ Familiensituation ist die Ausgangssituation für diese Worte. Ein Sohn fragt seinen Vater. Man kann sich das durchaus etwas romantisch vorstellen. Abends vielleicht am Lagerfeuer. Oder vor oder nach einem religiösen Fest. Zumindest zu einer Zeit, in der die Generationen noch ganz natürlich miteinander im Gespräch waren. In der man auch – und sogar Kinder – nachgefragt haben, was es mit religiösen regeln und Riten auf sich hat. Und nun könnte man ja meinen, wenn der Sohn oder auch die Tochter schon mal nachfragt, was es denn mit den „Geboten und Rechten“ so auf sich hat, dass der Vater oder die Mutter nun endlich mal ordentlich zulangen und dem Kind so richtig einen einschenken und sagen, was es denn mit den ganzen religiösen Lebensregeln, Gesetzen und Vorschriften so auf sich hat.

Wenn ein Kind schon mal nachfragt, dann aber gleich in die Vollen. Dann erkläre ich ihm oder ihr auch, warum es gut ist, sich an Regeln und Gesetze zu halten, warum es auch auf religiösem Gebiet von Vorteil sein kann, wenn man Lebensregel als „Geländer“ hat. Aber weit gefehlt. Die Eltern sollen die Frage des Kindes nicht als Sprungbrett für einen Moralvortrag halten.

Vielmehr als Sprungbrett für eine flammende Rede über den Gott, der nicht ideenhaft und steif im Himmel sitzt, der sich nicht nur leidenschaftlich auf die Seite der Unterdrückten stellt, sondern diese auch an die Hand nimmt und dafür sorgt, dass ihr Leben besser wird.

„Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten und der Herr führte und aus Ägypten mit mächtiger Hand.“ Bemerkenswert ist, dass die Formulierung „und führte uns von dort weg“ gleich im nächsten Satz noch einmal auftaucht. So, also ob man das gar nicht oft genug sagen kann.

Zum Wesen Gottes gehört es, dass er befreit. Dass er „wegführt“. Dass er dafür sorgt, dass die Unterdrückung aufhört. Diese „Gottesidee“ ist schon ziemlich einzigartig. Dabei handelt es sich nicht um eine Idee (die „Idee“ der Befreiung, die „Idee“ der Bevorzugung der Unterdrückten o.ä.), sondern um das Eingreifen Gottes selbst.

„Der Herr tat große Zeichen an Ägypten“.Gott selbst greift ein. Bibelleser erinnern sich vielleicht daran, dass der Pharao sich ziemlich damit geplagt hat, das Volk Israel ziehen zu lassen. Dafür gab‘s mache Plage. Ziemlich schaurig. Den Schauer von Heuschrecken, Hagel und allem möglichem Anderen den lässt Gott denen auf den Kopf fallen, die andere vor sich niederfallen lassen. Die „Zeichen“ Gottes sind für die Gläubigen nicht schmerzhaft. Die Unterdrücker erhalten aber selbst Druck. Ob die Zeichen nun Legendenbildung sind oder nicht, ob sie tatsächlich stattgefunden haben oder nicht, ob sie „zufällige“ Naturereignisse sind oder bewusst herbeigeführte Naturschauspiele, das ändert sicher nichts am Glauben der Israeliten, die in diesen Geschehnissen ihren befreienden Gott sehen. Die gläubig „interpretieren“. Das Leben – und auch das gläubige Leben -, da muss man auch den Religionskritikern und Psychologen Recht geben, ist ja nie etwas anderes als Interpretation des Vorfindlichen. Nichts und niemand ist absolut.

Der Interpretation des jüdischen Glaubens schließe ich mich aber gerne an: Gott ist ein „Wegführer“ und Befreier. Er schlägt sich auf die Seite der Armen. Was für ein „Gottesbild“! Sowas hat sich sonst keiner ausgedacht. So kann man eigentlich nicht von Gott denken. Götter lassen sich verehren. Sie lassen sich vielleicht durch religiöse Praktiken „finden“ oder „erleben“. Aber dass sie selbst aktiv werden, dass sie befreien, dass sie wegführen, das ist schon ziemlich einmalig. Möge man diese Gottesvorstellung gerne mit anderen Religionen vergleichen. Man wird wohl nichts Vergleichbares finden, oder?

Doch.Ein paar Seiten weiter in der Bibel. Deswegen sind Juden und Christen auch miteinander „verwandt“.Nicht der Sohn fragt seinenVater, sondern der Vater schickt seinen Sohn, damit man den fragt. Und der hilft. Den Armen und Schwachen und Kranken und Beladenen. „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht.“ „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Wenn das mal nicht derselbe Gott ist, der hinter diesem Jesus steckt!
An diesen Jesus glaube ich gern … .


(Anm.: Diese Andacht wurde geschrieben im Mai 2008 nach der BUKO – Bundeskonferenz- des BEFG, die das Thema „Wenn dein Kind dich morgen nicht mehr fragt“ hatte. Dabei ging es insbesondere um die Frage, wie die Generationen auch bzgl. des Glaubens wieder neu miteinander ins Gespräch kommen können.)

 

Wo ist Jesus?

Immer wieder einmal beschäftigt mich die Frage, wo und wie man Jesus heutzutage konkret "festmachen" kann. Wo ist er? In seinem Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft" geht Adolf Holl auf unterschiedliche theologische Erkenntnisse ein und ergänzt diese durch soziologische Anmerkungen. Gegen Ende seines Buches wehrt Holl sich dagegen, Jesus festlegen zu wollen. Das streckenweise nüchtern geschriebene Buch endet nachdenklich, andachtlich und mit flammenden Worten zugleich. Ein Auszug.


Wo ist Jesus?
Teilt Jesus die Geduld derer, die den jüngsten Tag von oben und außen erwarten, weltflüchtig passiv? Oder ist er bei den aktiv Hoffenden, die etwas bewirken wollen hier und jetzt, eine landwirtschaftliche Genossenschaft oder den Sturz der Regierung?
Solidarisiert er sich mit Bauern oder Arbeitern, Farbigen oder Weißen, Kleinbürgern oder Intellektuellen oder sogenannten entwurzelten?
Schreit er mit beim Ruf nach dem Klassenkampf oder bemüht er sich um Ausgleich der sozialen Gegensätze?
Hält er es mit Black Panther oder General Franco, mit Ghandi und Martin Luther King oder dem Papst?
Zieht er die Atheisten den Frommen vor?
Handelt er überlegt oder unüberlegt, ist er ein Einzelgänger oder fühl er sich in Massen wohl?
Wo ist Jesus?
(…)
Jesus ist bei den Kindern, die von zu Hause fortlaufen.
Bei den Gefangenen und Verurteilten.
Immer bei den Armen, nie bei den Reichen.
Stets bei den Unzufriedenen, die Satten meidet er.
Nicht bei den Erhaltern des Bestehenden, denn die kommen ohne ihn zurecht.

Jesus nimmt Partei für die Ohnmächtigen.
Den Zornigen fühlt er sich verbunden.
Gründungsversammlungen besucht er nicht.
In Kirchen ist er selten zu sehen – dort wird er ohnedies verehrt.

Jesus ist unauffällig gekleidet, eine Uniform trägt er nie.
Er hält sich nirgends lange auf.

 

 

Vom heutigen Kirchen-Jesus muß man den Eindruck gewinnen, er hätte eine Weltanschauung gehabt. Derart, dass er auf jede Frage die richtige Antwort schon bereit gehabt hätte, seine lehren ein geordnetes System der Weltdeutung dargestellt hätten. Dass ein solches Jesusbild entstehen konnte, geht nicht ausschließlich auf das Konto des Pfäffischen in der offiziellen Jesusdeutung; sondern es schlägt dabei eben ein Ordnungssinn, Ortungssinn durch, Jesus wird topologisch verarbeitet, er bekommt seinen Platz zugewiesen, heißt Gottessohn, Religionsstifter, sitzt zur rechten Hand Gottes. Die Gewohnheiten der Völker haben es erreicht, dass man sich bei Jesus auskennt, er ist verläßlich geworden, hat Karriere gemacht, hat es zu etwas gebracht.

Hingegen ist der reale Jesu recht unverläßlich gewesen, ein Unmutserreger und Provokateur, Stein des Anstoßes und Skandalmacher. Er entwischt jeglichem Bestreben nach Positionsbestimmung, läßt sich nicht orten. Ist streng, wo man Milde erwartet hätte, nachgiebig dort, wo Entschiedenheit am Platz gewesen wäre. Betet im Tempel und fordert zu seiner Zerstörung auf, verärgert seine eigene Sippe und nimmt engste Verwandte in den Jüngerkreis auf. Und immer wieder die Frage:  Wer bist du? Wie können wir dich einordnen? Bist du der Messias? Bist du der Prophet? Wirst du das Reich Israel wieder herstellen? In welcher Vollmacht handelst du eigentlich?

Jesus entzieht sich alldem, weicht aus, schlägt dem Meldezettelwesen ein Schnippchen, lässt sich essen und trinken gut schmecken, wo er ein Asket sein sollte, lässt sich feiern und verteilt dennoch keine Waffen, spricht vom Weltuntergang und hat dabei ein Auge auf das Zunächstliegende.
Ohne sich dabei zum Clown zu stilisieren, er will nicht in die Zeitung kommen, sein beständiger Positionswechsel ist nicht Ziel seines Handelns, vielmehr wird da eine Absichtslosigkeit merklich, seine Ortlosigkeit entspringt keinem Programm, er will das Denken verändern, nicht aber in neue Bahnen lenken, wo es dann beruhigt dahinfahren kann.

Aus: Adolf Holl, Jesus in schlechter Gesellschaft, S.166, 171+172, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1971

 

Glücklich ihr Atheisten!

 

 

glücklich ihr atheisten!

ihr habt es leichter

euch wirbelt kein gott

aus der bahn des schlüssigen denkens

kein glaube wirft schatten

auf eure taghelle logik

nie stolpert ihr

über bizarre widersprüche

kein jenseits vernebelt euch

die konturen der welt

nie seid ihr berauscht

von heiligen hymnen und riten

nie schreit ihr vergeblich

nach einem göttlichen wunder

oder stürzt ab ins dunkel

blasphemischen betens-

glücklich ihr atheisten!

 

gern wäre ich einer von euch

jedoch, jedoch: ich kann es nicht.

 

(Kurt Marti)

Himmel und Erde

Es ist schon einige Zeit, als ich in HH-Eppendorf  relativ spontan auf die Bremse drückte, um möglichst schnell zum Stehen zu kommen. Im Augenwinkel hatte ich ein Cafe gesehen. Der Name: Himmel und Erde. Klasse Name für ein Cafe. Auffällig zumindest. Ich hielt also an, schaute mir das Cafe von außen an.  Ein wunderschönes  altes Haus in Eppendorf. Gar nicht weit von Rüssel Studios. Tische und Stühle in der Sonne. Neben dem Cafe ein Blumenladen. Gemütlich.

Ausgestiegen bin ich dann auch, um mir das Cafe von innen anzuschauen. Nicht ganz meine Preisklasse, aber einfach nett eingerichtet. Sehr stilvoll. Ich habe den Besitzer gefragt, ob sich hinter dem Namen des Cafes etwas verbirgt (vielleicht in der Hoffnung auf irgendwelche rudimentären religiösen Vorstellungen zu stoßen und dann daran anknüpfen zu können). „Nein, wieso?“ „Ach, nur so!“.

 

 

Ein paar Fotos habe ich gemacht.
„Himmel und Erde“ dieser Begriff und damit auch das Lokal in Hamburg fiel mir wieder ein, als ich vor kurzem von jemandem gefragt wurde, ob ich denn meine, dass mein Hobby (das Drachenfliegen) „Himmel und Erde“ verbinde.

Eigentlich bin ich ja einer, der  Antworten ziemlich flott und eher auch mal ungefiltert raushaut.

Über die Frage habe ich im Anschluss hin und wieder nachgedacht.

Verbindet mein Hobby „Himmel und Erde“? Haben die Kiter, Einleiner-, Zweileiner, Powerkiter  aufgrund ihres Hobbies etwas, was andere Leute nicht haben?  Ja, ich glaube schon. Und andere Leute, die es mit Luft, Himmel, Fliegen und so zu tun haben auch.  Mit einem Drachen an einer oder mehreren Leinen nimmt man ein wenig Abstand von sich selbst. Man beschäftigt sich mit „Höherem“.


 

Wenigstens 20 oder 30 Meter schaut man in die Luft. In den Himmel. Man schaut mal von der Erde weg. Von seinem kleinen Standpunkt.

Als ich vor kurzem mal mit einem motorisierten Paraglider den Erdboden verlassen habe und von oben auf die Felder unter mir schaute, da dachte ich das, was wohl alle Leute denken, die in die Luft gehen: Meine Güte, was ist mein Horizont da unten beschränkt.

In sofern kann man vielleicht schon sagen, dass mein Hobby Himmel und Erde verbindet.

„Himmel“ steht ja im deutschen Sprachgebrauch auch für „das Höhere“, für die Region, in der man sich Gott oder Götter oder eine Idee oder „die Kraft“ oder etwas Ähnliches vorstellt oder glaubt. Im Englischen ist das schon etwas klarer, was die Trennung zwischen Naturwissenschaftlichem und Religiösem angeht. „Heaven“  steht für das religiöse und „Sky“ für das natürliche Oben.
Mein Hobby verbindet mich also mit dem „Sky“ und vielleicht komme ich deshalb manchmal auch eher über den „Heaven“ ins Nachdenken.


Aber dass mein Hobby meine Erde direkt mit dem „Heaven“ verbindet, das kann ich so nicht sagen. Na ja. Vielleicht doch. Indirekt. Denn wenn ich meinen Drachen durch den „Sky“ fliegen lasse, wenn ich die Kräfte der Schöpfung im Drachen und in meinem Körper spüre, wenn mir der Wind durch die Haare fegt oder das Wasser ins Gesicht spritzt, dann denke ich schon mal eher über das oder den nach, der hinter der ganzen Natur steht.

Als Christ ist die Natur für mich Schöpfung. Hinter der Natur steht ein Schöpfer. Wie er das gemacht hat, sich die Erde auszudenken und zu schaffen, das weiß ich nicht. Ist mir auch relativ egal. Ich freue mich über den mir geschenkten Glauben, dass da der Schöpfer ist.

Das gibt – mir zumindest – ein recht geborgenes Lebens- und Erdenerlebnisgefühl. Find ich gut.

Und was die Verbindung von „Heaven“ und Erde angeht, so glaube ich als Christ, dass nichts und niemand die beiden miteinander verbinden kann. Es sei denn, Gott selbst ergreift die Initiative. Und ich glaube, dass er das einmal getan hat. In Christus.

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte/ zeltete unter uns.“ 

So oder so ähnlich beginnt der Evangelist Johannes seinen Bericht über das Leben und die Lehre Jesu. Gott zeltete unter uns. Auch Gott ist ein Camper, der die Natur/Schöpfung liebt. Und allem Anschein liebt er es, bei den Menschen zu sein. Deswegen hat er „Heaven“ und  Erde verbunden.
Ich finde das gut.

 

 

Das glaube ich gerne.
.

an(ge)dacht



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